An(ge)dacht Oktober/November

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

Jeremia 29,7

 

„Suchet der Stadt Bestes…“ – für viele Christen sicher ein altbekannter Vers. Kalter Kaffee sozusagen: Wir sollen uns gesellschaftlich engagieren. Ist doch klar. Was gibt‘s dazu noch zu sagen?

Nun, vielleicht eher zu fragen: Wo und wie machen wir das denn? Wo sehen wir als einzelne, aber auch zusammen als Gemeinde unsere gesellschaftliche Verantwortung?

Ist unsere Gemeinschaftsbewegung in der Vergangenheit nicht viel zu sehr durch Rückzug aus der „gottfeindlichen“ Welt geprägt gewesen, so dass es uns dann doch irgendwie schwer fällt, wieder bei unseren Mitmenschen mit ihren weltlichen Bedürfnissen anzudocken?

Aber ist das nicht alles sowieso nachrangig, weil wir doch wissen, dass die größere Not der Menschen „geistlich“ ist (auch wenn sie selbst das nicht erkennen oder nicht wahrhaben wollen)?

Ich fürchte, mit vielen Christen haben wir uns durch diese Einstellung ein wenig ins Abseits manövriert. Ja, am Ende zählt, was ewigen Wert hat. Aber dass uns die irdischen Bedürfnisse unserer Mitmenschen nicht egal sein dürfen, macht Jesus z. B. in seinem Gleichnis vom Endgericht deutlich (Mt 25,31ff – Ich war hungrig, und ihr…). Wenn es ihm nur um Glauben und Seelenheil gegangen wäre, hätte er nicht zehn Leute vom Aussatz geheilt, von denen nur einer zum Glauben fand (Lk 17,11ff).

Es ist essenziell, unsere Mitmenschen erst einmal mit ihren unmittelbaren Bedürfnissen wahrzunehmen und darin auf sie einzugehen – bei dem, was sie persönlich brauchen, aber auch dort, wo es darum geht, auf bessere gesellschaftliche Bedingungen hinzuwirken. Die ADEG – unsere Arabisch-deutsche evangelische Gemeinde – liefert dafür gute Beispiele. Migranten werden z. B. bei Behördengängen unterstützt, und man setzt sich dafür ein, dass die Integration gelingt.

Wer nur darauf aus ist, dass Menschen sich bekehren, beißt heutzutage oft auf Granit. Frühere Ansätze zur Evangelisation ziehen heute vielerorts nicht mehr. Doch wo man sich zu den Menschen aufmacht, fragt, was sie brauchen, und guten Willen zeigt zu helfen, ebnet das nicht selten den Weg, ihnen dann auch die Hoffnung unseres Glaubens zu vermitteln.

Das ist meine Überzeugung, aber es bleibt leider meist graue Theorie. Ich wünsche mir, dass wir uns als Gemeinde aufmachen und neu danach fragen, was die Menschen um uns herum brauchen. Der Vers enthält ja noch mehr: „Betet für sie zum Herrn.“ Damit können und sollten wir auf jeden Fall anfangen und Gott fragen, zu wem er uns senden möchte. Man muss dafür nicht physisch zusammenkommen – zusammen beten kann man auch in einer Telefon-/Videokonferenz. Unsere Pastoren informieren gern, zu wel-chen Zeiten man sich einer solchen Gebetsrunde anschließen kann.

Und noch etwas steckt in dem Vers – eine Verheißung: „Wenn’s ihr (der Stadt) wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ Selbst wenn die ursprüngliche Zielrichtung eine etwas andere war, sehe ich darin auch eine Verheißung für uns als Gemeinde. Gott sagt uns zu: Wenn ihr euer eigenes Wohl – das, was ihr für den Fortbestand der Gemeinde unbedingt zu brauchen meint – zurückstellt und das Wohl eurer Mitmenschen in den Vordergrund stellt, dann wird das auch zu eurem Wohl sein – dann werdet ihr Zukunft haben.

Hendrik Lehmann