An(ge)dacht

Gastfrei zu sein, vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Gastfreundschaft steht nach wie vor hoch im Kurs. Viele, die in fremden Ländern waren, können davon berichten, und auch bei uns gibt man sich Fremden gegenüber gastfreundlich.

Ich durfte das erneut erfahren, als ich für kurze Zeit mein Heimatland Ägypten besuchte. Gastfreundschaft, so kann ich aus eigener Erfahrung berichten, ist im Orient noch tiefer verwurzelt als bei uns. In Ägypten ist die Motivation einer jeden Einladung, den Gast zu ehren und ihm Anerkennung zu zollen. Das wird ausgedrückt durch ein opulentes Mahl, wobei die Kosten keine Rolle spielen.

Dabei geht es auch um Gemeinschaft mit einander, um den anderen besser kennenzulernen: „Gastfreundschaft bedeutet darum vor allem, einen Raum zu schaffen, in den der Fremde eintreten und in dem er ein Freund werden kann. Gastfreundschaft will den anderen nicht ändern, sondern einen Ort bieten, an dem Veränderung stattfinden kann.“ (nach Henri Nouwen). Ich bin nicht mehr allein und nehme Anteil am Leben des Anderen. Der Andere tritt für mich aus seiner Anonymität heraus und wird wichtig für mich. Wir nehmen gegenseitig Anteil an unserem Leben und Ergehen.

So heißt es: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist eine doppelte Freude.“ Die Anonymität wird aufgelöst – die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Wir brauchen die Gemeinschaft. (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…)

Die Mahnung „vergesst nicht gastfrei zu sein“ aus dem Neuen Testament bezieht sich auf eine sehr alte Geschichte im Ersten Buch Mose (1. Mose 18 und 1. Mose 19: sehr interessant zu lesen) und verbindet damit jüdische und christliche Nächstenliebe, denn das Originalwort für „gastfrei“, wie Luther hier übersetzt, war die schlichte Aufforderung, den Fremden zu „lieben“. Es geht darum, Menschen aufzunehmen, wie Christus uns aufgenommen hat.

In der Gemeinschaft erleben wir die Liebe Gottes durch den Anderen. Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ So wird Jesus verherrlicht, wenn wir einander lieben, annehmen und die Last der Anderen mittragen.

Auch Gott will in Beziehung zu uns treten. Er möchte zu mir eine enge Beziehung aufbauen und mich leiten und führen.

In der LKG haben wir unter dem Motto „Gemeinde als Familie“ uns bewusst gemacht und eingeübt, wie wichtig es ist, Gemeinschaft zu leben, indem wir die Türen unserer Häuser und Wohnungen für andere geöffnet haben. Hier wollen wir aber nicht stehen bleiben, sondern das Begonnene fortsetzen.

Gastfreundschaft ist im NT ein Kennzeichen christlichen Lebens. Sie wird als ein Merkmal der Gemeindeleiter genannt (1. Tim. 3,2) und jedem Nachfolger Jesu als Ausdruck der Liebe geboten (Röm. 12,13). Sie umfasst mehr als nur ein freundlicher Gastgeber zu sein oder sein Haus für Gäste zu öffnen. Das griechische Wort für Gastfreundschaft bedeutet wörtlich „Liebe zu Fremden.“

Im Röm. 12,13 mahnt Paulus, Gastfreundschaft zu üben. Er ruft dazu auf, Beziehung zu Menschen zu suchen, die in Not sind. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber Gastfreundschaft kann die Leere eines einsamen Herzens füllen.

So lasst uns weiterhin unsere Türen und unsere Herzen für andere Menschen öffnen – also gastfrei zu sein. Vielleicht spüren wir dann, dass wir Engel beherbergt haben.

Michel Youssif

Erschienen im KOMPASS Ausgabe 181