An(ge)dacht Oktober/November 2019

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Hiob 19,25

 

Sicher kennen viele von Ihnen Bilder der weltberühmten Christusstatue „Cristo Redentor“, der portugiesische Name für „Christus der Erlöser“. Auf dem Berg Corcovado in Rio de Janeiro steht die 32 m hohe Statue des Erlösers mit ausgebreiteten Armen (Spannweite 28 m). Man kann sich der Faszination dieser hoch über der Stadt aufragenden Statue, die nachts von Scheinwerfern angeleuchtet wird, nicht entziehen. So zieht sie als eines der Wahrzeichen dieser Stadt jährlich über eine Million Besucher an. Auf der Plattform haben diese neben einer atemberaubenden Aussicht über Rio de Janeiro vor allem ei-nen beeindruckenden und Ehrfurcht gebietenden Blick auf „Christus den Erlöser“. Was denken wohl die vielen Besucher beim Betrachten und Fotografieren?

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Der Monatsspruch für November steht mitten im Buch Hiob, das seinen Namen nicht nach seinem Verfasser, sondern nach seiner Hauptfigur trägt.

Hiob lebt einige Jahrhunderte vor Christus im Land Uz im Südosten Palästinas als ein sehr wohlhabender, unbescholtener, frommer Mann, gesegnet mit zehn Kindern. Er ist ein Vorbild in seiner religiösen Praxis, denn er opfert sogar stellvertretend für seine Kinder. Doch dann holt ihn eine „Hiobsbotschaft” nach der anderen ein. Hiob verliert alles: Reichtum, Kinder, Gesundheit, Ansehen. Seine Frau kann nicht fassen, dass ihr Mann sich auch in dieser verzweifelten Situation nicht von Gott abwendet. Hiob weiß nicht, dass er als Spielball einer Wette zwischen Gott und dem Satan herhalten muss. Und so bleiben die ihn bedrängenden Fragen: Warum? Warum ich? Womit habe ich dieses unermessliche Leid verdient? Auch die drei Freunde, ebenso wohlhabend, einflussreich und weise wie Hiob, trösten ihn nicht, helfen ihm nicht mit ihren Erörterungen der Gründe, die zu Hiobs Qualen geführt haben könnten. Und so verteidigt sich Hiob vehement gegen deren Vorhaltungen, selbst an seiner Situation schuld zu sein und sein Leid als Strafe Gottes akzeptieren zu müssen, auch wenn ihm Gott immer rätselhafter erscheint.

Wir wissen heute, wie die Geschichte ausgeht: Am Ende wird alles gut. Gott segnet Hiob in besonderer Weise, u.a. mit wunderschönen Töchtern und einem sehr hohen Lebensalter.

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Als Hiob jedoch diesen Satz sagt, weiß er noch nicht, dass Gott ihn wieder heil werden lässt.

„Aber...“ – etwas völlig Unerwartetes geschieht hier, Hoffnung blitzt auf. Trotzig widersetzt Hiob sich den Anschuldigungen, will sich nicht vollends niederdrücken lassen.

„Aber ich weiß …“ – hier geht es nicht um ein Ahnen, ein Vermuten, sondern um Gewissheit, die keinen Raum lässt für ein Vielleicht. Woher nimmt Hiob diese innere Sicherheit mitten im Drama seines Lebens? Das bleibt an dieser Stelle ein Geheimnis.

„Aber ich weiß, dass mein...“ – Hiob sieht sich in einer engen Gemeinschaft zu einer vertrauten Person, die ihm nahesteht.

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser...“ – hier meint der im AT stehende hebräische Begriff den Auslöser. Hiob weiß, dass diese Person ihn aus seiner Notlage loskaufen, alles Verlorene zurückholen und ihn von seinen Qualen befreien kann. Und – wer ausgelöst wird, ist erlöst.

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ – Entgegen allem Augenschein ist sich Hiob sicher, dass es diesen Erlöser wirklich gibt, dass dieser Erlöser nicht tot ist, sondern lebt! Aus dem Textzusammenhang erschließt sich, dass Hiob hier von Gott redet.

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.“ (Hiob 19,25-26)

Etwas Erstaunliches geschieht hier, was so im Alten Testament nur ganz selten wahrzunehmen ist: Hiob empfängt einen Weitblick über den Tod hinaus. Ihm wird ein prophetischer Blick auf den Erlöser geschenkt, der Ostern als Erster das Totenreich mit einem neuen Leib verlassen sollte: Jesus Christus.

Hiobsbotschaften und -schicksale gibt es in vielfältiger Weise bis heute. Leid und Schmerz gehören zu den grundlegenden Erfahrungen des Lebens. Und oft genug bleibt die Frage nach dem „Warum?“. Auch für Christen. Denn nicht immer wendet sich das Leid wie bei Hiob. Wie gehen wir dann damit um? Was/Wer hilft uns, wenn wir total verzweifelt sind, wenn kein un-verhofftes Wunder geschieht? Ein einziger kurzer Satz hält Hiob in seiner Not: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.” Der Blick auf Jesus Christus, meinen Erlöser, zeigt auch mir, wie sehr Gott mich liebt, selbst wenn ich ihn nicht verstehe. Diesem Gott darf ich mich im Gebet anvertrauen, in seiner Liebe darf ich mich bergen und trösten lassen und darauf vertrauen, dass Gott es immer gut mit mir meint.

Übrigens – auch den vielen Besuchern der Christusstatue werden Hiobsbotschaften nicht fremd sein. Wie viele von ihnen mögen wissen, dass „Christus der Erlöser“ in ihrem Leben mehr sein will als eine Sehenswürdigkeit, dass dieser Christus auch ihr Erlöser sein will und lebt? Weiß ich es? Wissen Sie es? Lebe ich/Leben wir diese Gewissheit sichtbar für unsere Umgebung?

Ulrike Gerstenberger